Grundfragen des Christentums

Brief an Paulus

Lieber Paulus, lieber Saul (Schaul)!

Schon bei der Anrede habe ich die erste Frage an dich: Soll ich dich mit deinem römischen oder mit deinem hebräischen Namen anreden? Paulus heißt du, weil du ein römischer Staatsbürger bist, der griechisch spricht, Saul, weil du Jude bist und hebräisch deine Muttersprache ist. Das deutsche Sprichwort, dass einer vom "vom Saulus zum Paulus wird", wenn er sein Leben ändert, ist ja falsch. Du bist immer ein Paulus und ein Saulus geblieben, so wie dein "Kollege" Petrus immer auch der Kephas blieb, auch als alle ihn nur noch Petrus nannten. Ich wähle (wie so oft) den Kompromiss: Ich werde dich mit beiden Namen anreden. Also noch einmal, diesmal in umgekehrter Reihenfolge:

Lieber Saul, lieber Paulus,

ich möchte mich zunächst einmal vorstellen, da ich nicht davon ausgehen kann, dass du mich kennst. Ich bin 67 Jahre alt, männlich, verheiratet, meine Frau und ich haben drei inzwischen erwachsene Kinder. Ich habe katholische Theologie studiert, war 5 Jahre als Kaplan in der Kirche tätig, musste diesen Beruf aber aufgeben, weil ich deinem Rat folgte, es sei besser zu heiraten als zu brennen. Nach einem Zweitstudium war ich 32 Jahre lang Lehrer. Neben Erdkunde, Politik und Latein habe ich vor allem Religion unterrichtet, und meine Erfahrungen im Unterricht sind der Anlass, warum ich jetzt einen Brief an dich schreibe. Ich habe es in der Schule so weit wie möglich vermieden, mit meinen Schülern von dir zu reden (Du darfst mich nicht falsch verstehen: Im griechischen Neuen Testament werden die Christen als "Schüler" bezeichnet, übersetzt wird es in der Regel mit "Jünger". Meine Schüler waren zwar meistens getauft, hatten aber vom Christentum wenig Ahnung. Du darfst dir also meine Schüler nicht als überzeugte Jünger vorstellen). Ich habe im Unterricht wenig von dir geredet, einfach deswegen, weil ich deine Briefe nicht verstehe. Mir liegen die schönen Erzählungen, Gleichnisse und Berichte aus den Evangelien viel mehr. Sie sind anschaulich und einprägsam, aber deine Briefe! Meinst du wirklich, dass die Galater in Kleinasien - du bezeichnest sie selbst einmal als unvernünftig, einfältig - deinen Brief verstanden haben? Wie viele Römer waren überhaupt in der Lage griechische Schriften zu lesen, geschweige denn, dein Anliegen zu verstehen, was du dort in 16 Kapiteln darlegst? Sagst du doch selbst, dass Gottes Wege unbegreiflich sind, und schon im 2. Petrusbrief wird von dir gesagt, dass in deinen Briefen manches schwer zu verstehen ist. Deswegen möchte ich hier einige Fragen an dich selbst richten, da ich fürchte, dass während der Feierlichkeiten zu dem Paulusjahr, das am 28. Juni von dem 265. Nachfolger deines Kollegen Petrus eröffnet wurde, kaum Zeit sein wird für solche Fragen.

Ich habe nie begriffen, warum du dich so wenig für das Leben des historischen Jesus von Nazareth interessiert hast. Von dem Rabbi aus Nazareth, seinen Wundern und Reden, der Bergpredigt, seinen Gleichnissen, den Umgang mit Zöllnern und Dirnen, seinen Auseinandersetzungen mit Pharisäern und Schriftgelehrten, seiner Passionsgeschichte schreibst du nichts. Du bist zwar etwas jünger als dieser Handwerkssohn aus Nazareth, einige vermuten, du seist im Jahr 8 n. Chr. geboren, aus diesem Anlass wird jetzt 2000 Jahre später das Paulusjahr ausgerufen, aber du hast als junger Mann in Jerusalem studiert, als Jesus in Galiläa und Judäa Aufsehen erregte. Es kann ja sein, dass du davon nichts mitbekommen hast, aber auch im Nachhinein hast du es offensichtlich nicht für nötig gehalten, in deinen Briefen davon zu schreiben. Dieses "Chistus dem Fleische nach kennen", wie du es etwas abschätzig nennst, willst du nicht mehr. Aber deinen theologischen Gedankengängen konnten nicht nur meine Schüler, sondern auch ich selbst nach vielen Jahren theologischen Studiums nur mit Mühe folgen. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater und seinen beiden Söhnen dagegen habe ich oft meinen Schülern erzählt. Sie haben es begriffen, auch wenn sie anschließend nicht immer Jünger geworden sind. Verstehst du jetzt, warum junge Menschen heute keinen Zugang zu dir finden?

Lieber Schaul,

jetzt rede ich dich bewusst mit deinem hebräischen Namen an, denn du warst stolz darauf, aus dem Volk Israel zu stammen, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern; deswegen verstehe ich nicht, dass du in einem Brief an die Thessalonicher folgende Sätze schreiben konntest: "Die Juden missfallen Gott und sind die Feinde aller Menschen; sie hindern uns daran, den Heiden das Evangelium zu verkünden und ihnen das Heil zu bringen. Dadurch machen sie unablässig das Maß ihrer Sünden voll. Aber der ganze Zorn Gottes ist schon über sie gekommen". Du konntest nicht wissen, welche Folgen solche Sätze in den letzten 2000 Jahren für die Juden hatten. Ich will dich nicht für die Gaskammern in Auschwitz verantwortlich machen, aber was hast du dir dabei gedacht, als du sagtest, die Juden seien die Feinde aller Menschen? Als ehemaliger Lateinlehrer weiß ich, dass die Römer dieses Vorurteil gepflegt haben. Einer ihrer Historiker, Tacitus, zitiert es fast wörtlich, als er sich im Jahre 115 n. Chr. in seinem Buch "Historien" mit dem jüdischen Krieg befasste. Die Römer hatten schlechte Erfahrungen mit dem jüdischen Volk gemacht, weil es sich weigerte, sich in das römische Reich zu integrieren. Drei spätere Kaiser hatten damit zu tun, den jüdischen Aufstand niederzuschlagen, der von 66 - 72 n. Chr. in Palästina tobte und in dem Jerusalem dem Erdboden gleichgemacht wurde. Du schriebst aber diese Sätze angeblich schon vorher in den fünfziger Jahren. Und was meinst du damit, wenn du behauptest, der ganze Zorn Gottes sei schon über sie gekommen? In der hebräischen Bibel bezog ein Autor sich auf die Zerstörung Jerusalems durch die Babylonier im Jahre 587 vor Chr., als er einen ähnlichen Satz niederschrieb: "Es kam aber über sie der Zorn Gottes bis zum Ende" (2 Chr 36,16). Unsere Gelehrten können bis zum heutigen Tag deine Sätze aus dem Thessalonicher Brief nicht richtig einordnen, zumal du im Brief an die Römer das Gegenteil behauptest: "Sage ich nun, dass Gott sein Volk verstieß? Niemals! Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat." Glaube mir, es geht mir nicht um Wortspielereien, aber von solchen Sätzen hing das Schicksal deines Volkes ab, und ich möchte gerne wissen, wie du sie tatsächlich gemeint hast.

Meine nächste Frage ergibt sich aus der vorherigen: Ich habe mich darüber gewundert, dass du dich in keinem deiner Briefe auf den Tempel in Jerusalem beziehst. Ich muss dir ja nicht erklären, welche Bedeutung dieser Tempel für die Juden hatte: Von König Salomo erbaut, war er seit 1000 Jahren Zentrum ihrer Glaubensgemeinschaft, die Stütze des Volkes in guten und in schlechten Tagen. Du kennst besser als ich die vielen Psalmen, in denen davon gesungen wird, wie nahe der Gott Israels im Tempel seinem Volk ist. Jährlich entrichtete ein Jude seine Tempelsteuer in die heilige Stadt, die ganz Frommen unter ihnen machten wenigstens einmal im Leben eine Wallfahrt dorthin oder ließen sich wenigstens in der Nähe des Tempels beerdigen. In den fünfziger Jahren des 1. Jahrhunderts wurde endlich seine Renovierung durch König Herodes vollendet und dieses Bauwerk wurde auch von Nichtjuden bestaunt. Du weißt wahrscheinlich nicht, dass bei dem Prozess gegen Jesus vor Pilatus seine Aussagen über den Tempel eine wichtige Rolle gespielt haben. Von alledem findet man in deinen Briefen keine einzige Silbe. Du setzt dich dort mit allen wichtigen Themen des jüdischen Glaubens auseinander: Beschneidung, Tora / Gesetz, Rechtfertigung, Auserwählung Israels usw., aber du verlierst kein Wort über das zentrale Heiligtum in Jerusalem. Das ist so ähnlich, als würde heute einer ein Buch schreiben über die katholische Kirche, ohne den Papst und den Vatikan überhaupt zu erwähnen. Auch wenn du die Entwicklung der Hierarchie in der katholischen Kirche nicht voraussehen konntest, du kanntest aber sicher die Bedeutung des Tempels. Ich lese in der Apostelgeschichte, dass du dort gefangen genommen wurdest, weil du Griechen, also Nichtjuden, mit in den inneren Bereich des heiligen Bezirks genommen hattest. Dabei kam es zu einem großen Aufruhr, bei dem der Mob dich fast umgebracht hätte (Apg 21,27 ff). Das führte zu deiner mehrjährigen Haft mit der anschließenden Überführung nach Rom. Ich weiß, die Apostelgeschichte ist mehr als 30 Jahre nach deinem Tod verfasst worden und es gibt heute Historiker, die manche Berichte aus ihr in Frage stellen. Aber einen Grund wird deine Verhaftung schon gehabt haben. Mich wundert nur, dass du auch dann in der Gefangenschaft kein Wort verlierst über diesen Tempel. Dein Satz, wir seien alle ein Tempel des heiligen Geistes, bezieht sich ja auf die Vorstellung der Heiden, dass in ihren Tempeln überall in der Welt ihr Gott wohne, du denkst dabei nicht speziell an den Tempel in Jerusalem. Im Jahre 70 n. Chr. hat dieser Tempel seine Bedeutung verloren, er wurde total zerstört und nie wieder aufgebaut, aber du hast deine Briefe nach Meinung unserer Gelehrten 20 Jahre vorher geschrieben, als er noch in voller Blüte stand. Ein Brief an die Hebräer, in dem du deine Position zu ihm darlegst, wäre durchaus sinnvoll gewesen. (Ich meine nicht den Brief, der uns überliefert worden ist, der stammt nicht von dir.) Heute, 2000 Jahre später, streiten sich drei Weltreligionen um diesen Platz, und es wäre gut zu wissen, wie du darüber gedacht hast.

Lieber Paulus,

jetzt rede ich dich mit deinem griechischen Namen an, denn um meine nächste Frage zu verstehen, muss man wie du die Sprache, Kultur und Philosophie der Griechen schätzen. Eines der bekanntesten Stücke aus deinen Briefen ist der so genannte Christushymnus, der im Brief an die Philipper steht (2,6 - 11). Er wird sehr oft in den Gottesdiensten vorgelesen, er ist schon mehrfach vertont worden, damit man ihn auch singen kann, viele kennen ihn sogar auswendig. Die Welt kann die Bücher nicht fassen, die über ihn geschrieben worden sind. Unsere Gelehrten sind sich einig darüber, dass du ihn selbst nicht verfasst hast: Gedichte sind nicht deine Stärke, du liebst einen anderen Stil, es kommen dort Worte vor, die du sonst nie verwendest, auch der Inhalt ist dir fremd. Von einem göttlichen Wesen, das auf die Erde herabsteigt und nachher wieder zu Gott zurückkehrt, redest du sonst nie. Deswegen sind alle Experten zur Auffassung gekommen, dass du das Gedicht von anderen übernommen und in deinen Brief eingefügt hast. Meine Frage ist: Von wem hast du dieses Gedicht bekommen? Ein Jude kann es nicht geschrieben haben, es widerspricht zu sehr dem jüdischen Glauben; also scheiden alle Gemeinden aus christlichen Juden, die es schon vor dir gab, aus. Die vielen Gemeinden, die du selbst überall gegründet hast, kommen auch nicht in Frage; sie mussten ja erst von dir bekehrt werden, bevor sie anfangen konnten zu dichten. Einige unserer Gelehrten schlagen Antiochien vor, dort gab es Heidenchristen auch schon vor dir und du warst mehrmals vor Ort. Nun ist es zwar unwahrscheinlich, dass in Antiochien, wo man die Jünger (Schüler) zum ersten Mal Christen nannte, ein so erstaunliches Werk zustande kam, aber unmöglich ist es nicht, wenn der zeitliche Rahmen stimmen würde. Wenn du in den fünfziger Jahren des 1. Jahrhunderts das Gedicht vorgefunden hast, muss es in den vierziger Jahren entstanden sein. Dann wäre dieser Abschnitt der älteste Text des Neuen Testaments. Nach allem, was wir heute wissen, entsprechen die dort geäußerten Gedanken aber überhaupt nicht der Auffassung der ersten Christen. Sie würden gut passen in das Ende des Jahrhunderts, als sich die Philosophie der Gnosis am östlichen Mittelmeer stark ausbreitete. Aus dieser Zeit darf das Gedicht aber nicht stammen, weil du dann nicht dreißig Jahre vorher den Brief an die Philipper schreiben konntest. Oder war etwa ein zweiter Paulus am Werk?

Ich komme zum Schluss meines Briefes. Nicht, weil ich keine Fragen mehr hätte, sondern ich denke, für's Erste reicht es. Aus deinen Briefen habe ich gelernt, dass am Ende immer Ermahnungen, gute Wünsche und Grüße stehen. Ich wünsche mir, dass du oder deine Schüler und Schülerinnen mir helfen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Dazu gebe ich meine Internetadresse an. Heute braucht man ja nicht mehr wie du in der Welt zu reisen, um mit anderen Gedanken auszutauschen, sondern die Welt kommt zu einem nach Hause. Anders als du gebe ich auch meine genaue Adresse und die Zeit an, wann und wo ich diesen Brief geschrieben habe. Wenn du wüsstest, wieviel Kopfzerbrechen darüber du unseren Bibelwissenschaftlern bis zum heutigen Tag bereitest, hättest du sicher Mitleid mit ihnen gehabt und das Datum und den Ort der Entstehung der Briefe angegeben. Dieser Brief ist mit einem Computer geschrieben, deswegen ist heutzutage eine Unterschrift nicht mehr erforderlich. Das war früher anders. Wenn ich dabei an den 2. Brief an die Thessalonicher denke, wie deutlich dort steht: "Den Gruß schreibe ich, Paulus, mit meiner eigenen Hand. Das ist mein Zeichen in jedem Brief. So schreibe ich." Allerdings kenne ich keinen Fachgelehrten, der heute diesen Brief noch für echt hält. Er ist eine bewusste Fälschung. Ein Unbekannter hat den 1. Brief an die Thessalonicher leicht geändert, aber mit deinen Worten noch einmal wiederholt, einen Abschnitt über das Kommen des Antichristen hinzugefügt, noch extra betont, man solle sich nicht täuschen lassen von einem anderen Brief, der angeblich von mir stammt, und diesen zweiten Brief als deinen ersten und echten ausgegeben. Zum Schluss ist er noch so dreist und fälscht deine Unterschrift. Du musst dich sehr geärgert haben darüber, wie hier mit dir umgesprungen wird. Ich denke, wir sind uns einig, dass eine solche bewusste Täuschung nicht ins Neue Testament gehört, ganz abgesehen davon, wieviel Unheil diese Idee vom Antichristen schon in der Welt angerichtet hat.

Es grüßen dich: Helmut der Hellenist, für ihn ist es ja nicht gleich, ob man etwas in der hebräischen Grundsprache liest oder ob es in eine andere Sprache übersetzt wird. Norbert und Peter, sie haben auch in der Diaspora den guten Kampf gekämpft, den Glauben bewahrt. Jetzt liegt für sie bereit die Krone der Gerechtigkeit. Mit der Bitte, dass der Herr uns ins Weite führen möge, grüßt dich am 28.6.2008

Heinrich Munk


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